Gaucks Rede und das Integrationskonzept des Wetteraukreises

Mittendrin! Dazwischen? Ein neues deutsches “Wir” – Her damit!

65 Jahre Grundgesetz und Bundespräsident Joachim Gauck entwirft eine neue Erzählung von Deutschland: Ein Narrativ eines neuen, vielfältigen und zugleich selbstbewussten Deutschlands. 65 Jahre Grundgesetz und Navid Kermani hält eine Rede vor dem Deutschen Bundestag. Das Neue daran ist in Kermanis Worten, dass „ein Kind von Einwanderern an die Verkündung des Grundgesetzes erinnert“. Sowohl Gaucks als auch Kermanis Rede geben Anlass zur Hoffnung. In Deutschland bewegt sich etwas!

Mit der Rede Joachim Gaucks ist Deutschland in der Realität angekommen. Es ist keine Rede, die eine Vision von einem morgigen Deutschland zeichnet, sondern eine Rede, die zeigt, dass wir bereits in einem vielfältigen Deutschland leben und Geduld, Offenheit und vor allem Akzeptanz notwendig sind, um in dieser Realität anzukommen. Ein wenig Zukunftsmusik ist aber noch das Bild eines Deutschlands, in dem nicht Phänotyp oder Name über Zugehörigkeit und Erfolg entscheidet. Blonde Haare, blaue Augen – das ist längst nicht mehr alles. Die neuen Deutschen heißen nicht nur Leo, Patrick und Katharina, sondern auch Samia, Moshtari und Cihangir.

Gauck trug seine Rede während einer Einbürgerungsfeier vor, im Rahmen derer 22 neue Bundesbürger die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten. Im Gegensatz zu manch Ewiggestrigem verschließt der Bundespräsident nicht die Augen vor gesellschaftlicher Vielfalt, er fordert sie explizit ein: „Wir wollen dieses vielfältige ‚Wir‘. Wir wollen es nicht besorgnisbrütend fürchten. Wir wollen es zukunftsorientiert und zukunftsgewiss bejahen.“ Richtigerweise bekräftigte er, dass Heimat ein subjektives Gefühl ist. Es geht um Wohlfühlen, nicht um Abstammung.

„Heimat ist ein Ort, wo wir Perspektiven für unser Leben entwickeln können“
So sieht es auch der 23-jährige Cihangir Böge, Mitglied der Jungen Islam Konferenz und angehender Polizeikommissar aus Berlin: „Heimat ist für mich Geborgenheit, Familie, Freunde und Verwandte. Ein Ort, wo wir uns zugehörig fühlen, verstanden werden und Perspektiven für unser Leben entwickeln können. Heimat ist nicht nur ortsgebunden, sondern auch menschengebunden.“ Samia Houbban, 18-jährige Schülerin aus Frankfurt und ebenfalls in der JIK aktiv, ergänzt: „Ganz konkret ist Frankfurt meine Heimat. Hier bin ich geboren und aufgewachsen, zur Schule gegangen und hier habe ich meine engsten Freunde. Natürlich ist Marokko meine zweite Heimat, das Land, in dem meine Eltern geboren sind. Doch ich freue mich nach Reisen nach Marokko immer wieder, nach Frankfurt zurückzufliegen. Es ist nicht dasselbe in Marokko, man trifft auf eine andere Kultur.“

Mehrfachzugehörigkeit – geht das?
Es ist absurd, dass Menschen wie Samia und Cihangir oft auf Grenzen ihrer Zugehörigkeit stoßen. In Deutschland geboren und aufgewachsen, sich in deutscher Sprache unterhalten und deutsch träumen – reicht das nicht? Mit Verweis auf andere Länder wie Großbritannien oder die USA äußert Joachim Gauck sein Unverständnis: „Der Blick ins Land zeigt, wie – ja, ich würde sagen – skurril es ist, wenn manche der Vorstellung anhängen, es könne so etwas geben wie ein homogenes, abgeschlossenes, gewissermaßen einfarbiges Deutschland.“ Und auch Samia und Cihangir wundern sich. Cihangir wird in Deutschland als „Türke“ oder „Migrant“, in der Türkei als „Gurbetçi“ wahrgenommen und abgestempelt. Doch warum muss das sein? Für Samia ist Deutschland die erste Heimat. In Marokko langfristig zu leben, kann sie sich nicht vorstellen. Dass sie weder in Deutschland noch in Marokko über die Rolle der „Ausländerin“ hinwegkommt, stört die 18-Jährige. Sie ist eine der jungen Menschen in Deutschland, für die die Neuregelung des Staatsbürgerschaftsrechts relevant ist. Die bisherige Gesetzgebung betrachtet sie eher als Zwang denn als Möglichkeit zur Entscheidung – „Im Endeffekt entscheiden sich doch die meisten Jugendlichen für den deutschen Pass.“

Gauck: „Es gibt ein neues deutsches ‚Wir‘, die Einheit der Verschiedenen.“
Der Bundespräsident schlussfolgerte, dass vor allem Chancengerechtigkeit und Akzeptanz für Vielfalt erreicht werden müssen: „Chancengerechtigkeit braucht aber noch mehr als Geld, nämlich eine geistige Öffnung. Dass jeder Fünfte in unserem Land eine Einwanderungsgeschichte hat, muss überall sichtbar werden, nicht nur auf dem Fußballplatz oder bei der Tagesschau.“ Cihangir sieht das ähnlich: Für ihn sind vielschichtige Identitäten mittlerweile Normalität in Deutschland. Um dem Gefühl von Heimat und Identität Raum zu geben, wünscht er sich, dass auch die Geschichten der Einwanderer als Teil deutscher Geschichte gesehen werden und Deutschland als gemeinsame Heimat akzeptiert wird.

Doch was bleibt nach der Rede des Bundespräsidenten?
Ja, Deutschland hat seit der Überarbeitung des Staatsbürgerschaftsrechts 1999 notwendige Schritte veranlasst. Die Akzeptanz für Vielfalt steigt. Am Ende des Wegs ist Deutschland aber noch lange nicht. Das sehen auch Samia und Cihangir so. Aus diesem Grund befürworten beide das neue Leitmotiv des Bundespräsidenten und arbeiten gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Jungen Islam Konferenz daran, dass dieses Leitmotiv in einer Enquete-Kommission am Deutschen Bundestag weitergedacht wird, um es zur Grundlage eines breiten politischen und gesellschaftlichen Konsenses zu machen.

Von: Houbban, Böge, Laumann – Die Verfasser Samia Houbban und Cihangir Böge sind Mitglied der Jungen Islam Konferenz (JIK), Robin Laumann ist Associate der JIK.

http://www.migazin.de/2014/05/27/ein-neues-deutsches-wir-her-damit/

Die Situation im Wetteraukreis

Jahrelang haben sich die Mitglieder des Integrationsbeirates des Wetteraukreises um die Formulierungen und praktischen Forderungen eines Integrationskonzeptes für den Wetteraukreis bemüht, den Entwurf durchgearbeitet, Hintergrundmaterial besorgt, vorgeschlagen, diskutiert, verworfen und wieder vorgeschlagen. Die Mitglieder des Integrationsbeirates haben ihre interkulturelle Kompetenz genutzt, bis das Integrationskonzept einstimmig verabschiedet werde konnte.

Es ist als eine Diskussionsgrundlage für eine breite öffentliche Diskussion im Kreis gedacht und muss als solche vom Souverän des Wetteraukreises, dem Kreistag, verabschiedet werden. Dieser hat das Konzept zunächst zur Kenntnis genommen und in die Ausschüsse verwiesen. Dort ist es nach der Sommerpause 2014 verabschiedet worden. Die Frage stellt sich jetzt, welche gesellschaftspolitische Relevanz es erreichen wird. Der Integrationsbeauftragte Josef Bercek, der auch den Entwurf des Konzeptes erstellt hatte, hat einen Fahrplan für die öffentliche Diskussion mit Kommunen und Organisationen erstellt, die Einfluss auf das öffentliche Leben haben. Dieser Fahrplan muss jetzt abgearbeitet werden und das ist eine große Herausforderung, denn niemand steht Schlange für eine solche Diskussion.

2009 hat der damalige Sozialdezernent Oswin Veith, CDU, das Konzept in Auftrag gegeben. Oswin Veith war 1. Kreisbeigeordneter und beauftragte seinen Mitarbeiter Josef Bercek, mit der Ausarbeitung einer Vorlage.

„Was den erwachsenen Fußballern nicht gelungen ist, hat die U 21
Fußballnationalmannschaft erreicht, sie ist Fußball-Europameister
geworden. Für manche gewöhnungsbedürftig war dabei die Zusammensetzung
dieser jungen Mannschaft mit Fußballernamen, die einem nicht so ohne
weiteres über die Lippen gehen. „Deutschland ist bunter geworden und zu
den landläufigen Namen wie Müller, Meier, Kowalski kommen jetzt eben
Namen wie Özil, Khedira oder Boateng. Gerade die haben gemeinsam mit
ihren Kameraden diese großartige Mischung aus Spielfreude, Technik und
Kraft erzeugt. Ich sehe gerade diese Fußballmannschaft als
hervorragendes Beispiel dafür, welch erfolgreiche Ergebnisse die
Einbindung aller hier lebenden Menschen hervorbringen kann.“ So ein etwas vereinfachter Versuch Veiths, den Ausgangspunkt für das Konzept zu erläutern.

Weitere Begründung für Das Integrationskonzept:

Integration soll nach den Worten des ehemaligen Wetterauer Sozialdezernenten aber nicht nur deshalb einen hohen Stellenwert im Wetteraukreis bekommen. „Wir wollen den hier lebenden Menschen eine Chance geben, sich in die Gesellschaft einzugliedern und gleichzeitig ihre kulturellen und religiösen Eigenheiten zu bewahren. Der Vorteil liegt für alle auf der Hand. Die Gesellschaft wird durch neue Ideen und andere Konzepte bereichert und Migranten können von der Vielfalt und dem Reichtum unserer Kultur und Gesellschaft profitieren. Voraussetzung dafür ist freilich der Wille, sich integrieren lassen zu wollen und auch, die Sitten, Gebräuche und Lebensweisen der hier lebenden Menschen zu akzeptieren. Unverzichtbar ist die Beherrschung der Sprache, sie ist die Basis einer jeden Integration.“

Wie Veith weiter mitteilte, soll ein umfassendes Integrationskonzept für den Wetteraukreis erarbeitet werden. Damit soll ein ganzheitlicher Ansatz geschaffen werden, der über die Unterstützung einzelner Projekte, wie etwa Integrationslotsen oder Interkulturelle Woche, hinausgeht. „Deshalb habe ich die Stabsstelle Integration eingerichtet, die ein solches Konzept erstellen soll. Der langjährige Mitarbeiter des Fachdienstes Migration, Josef Bercek, ist Leiter dieser Stabsstelle und hat Kontakte zu verschiedenen Arbeitsgruppen, die bereits zahlreiche Vorschläge erarbeitet haben.“

Insbesondere von der Zusammenarbeit mit dem Integrationsbeirat erhofft sich Veith greifbare Ergebnisse. „Wir wollen deshalb von Anfang an möglichst viele Beteiligte in den Prozess einbinden“, so Veith, der im kommenden Jahr die ersten Ergebnisse vorlegen will. „Interkulturelle Kompetenz nutzen und die Chancen für uns alle aufzeigen, das ist ein wesentlicher Punkt, der mit dem Integrationskonzept aufgegriffen werden soll.“

(Aus einer Presseerklärung des Wetteraukreises von 2009)

Das Integrationskonzept muss als Diskussionsgrundlage verabschiedet werden!

Wie in der Rede von Bundespräsident Gauck wird im Integrationskonzept des Wetteraukreises (wenn auch sehr utilitaristisch) davon ausgegangen, dass Zuwanderung wichtig für unsere Gesellschaft ist und dass sie nur dann ihre positive Wirkung entfalten kann, wenn sie von der Gesellschaft als Aufgabe angenommen und gestaltet wird, unter Mitarbeit der Alteingesessenen ebenso wie der Zuwanderer. Mein Einschätzung der bisherigen Behandlung des Konzeptes in den Gremien des Wetteraukreises ist allerdings, dass diese Aufgabe von vielen nicht angenommen und von einigen gar als Gefahr für eine „monokulturelle Bundesrepublik“ gesehen wird. Die gab es allerdings auch schon vor der Öffnung der Bundesrepublik für die „Gastarbeiter“ nicht. Es gibt auch ohne Zuwanderung viele Subkulturen in unserem Land, was übrigens das besondere Markenzeichen einer demokratischen Gesellschaft darstellt. Das Verrückte ist, dass viele Menschen subjektiv ihre eigene Subkultur als Leitkultur empfindet. Immerhin ein Zeichen für die Freiheit in unserem Land, dass sich nur wenige eingeschränkt und gegängelt fühlen.

Das Integrationskonzept orientiert sich an den im Grundgesetz verbrieften Menschenrechten und versucht eine Strategie der Öffnung unserer Gesellschaft aufzuzeigen für die, die hergekommen sind und mittun wollen. Bis vor kurzem wurde bestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Der Zugang zur Gesellschaft wurde privat und öffentlich restriktiv gehandhabt, wobei die Empathie für Zuwanderer oft nicht ausreichte, das überhaupt wahrzunehmen. Menschen wurde auf vielfältige Weise deutlich gemacht, dass sie „anders“ sind und lieber wieder dorthin zurückkehren sollen, wo sie hergekommen sind. Bestenfalls wurden sie einfach ignoriert. Das hat sich mit dem Begriff der „Willkommenskultur“ in Politikeransprachen zwar jetzt geändert. Für die Gesellschaft und ihre Institutionen ist es aber ein langer Weg, sich vorurteilsfrei zu öffnen. Leider wird durch das Erstarken rechter und rassistischer Bewegungen und Parteien sowie durch das opportunistische „Heranwanzen“ von Politikern und Parteien an diese Rechten Strömungen  unter dem Deckmantel der „besorgten Bürger“ vieles von dem Erreichten gerade wieder rückgängig oder gar ganz kaputt gemacht. (Frühjahr 2017)  Ein langsames Sterben des Integrationskonzeptes ohne eine breite Diskussion wäre ein herber Rückschlag auf diesem Weg, in jedem Fall ein Sieg der ewig Gestrigen und muss unbedingt verhindert werden. (Johannes Hartmann)

Das Integrationskonzept können Sie Sich hier herunterladen.

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