Zur Sarazindebatte und zu Vorurteilen gegen Muslime

Oktober 2010 – Hintergrund:
Sarrazin beschreibt in seinem am 30. August 2010 erschienenen Buch Deutschland schafft sich ab die Folgen, die sich seiner Ansicht nach für Deutschland aus der Kombination von Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und Zuwanderung aus überwiegend islamisch geprägten Ländern ergeben würden. Sarrazins Thesen erzeugten ein erhebliches Echo in den Medien und der Politik.

Keine Sicherheit, hier zu Haus zu sein

Die ganze Verbissenheit, mit der die angebliche Integrationsunwilligkeit der (und damit aller) Zuwanderer in Deutschland angeprangert wird, deutet nicht auf sachliche, sondern eher auf emotionale Probleme hin, wie sie auch im Sarazinbuch zum Ausdruck kommen. Deutlich wird das in den Leserbriefen der Walters, die mit hanebüchenen „Fakten“ (zum Teil haarklein widerlegt durch Rechtsanwalt Krutzki) und Zitaten von angeblichen Aussagen von Grünen inhaltlich behaupten, dass deutsche Politiker jeden Ausländer lieber mögen als ihre eigene Bevölkerung. Welch ein Anfall von Eifersucht.

Erklärbar wird dies durch ein immer größeres Auseinanderklaffen zwischen arm und reich. Diese Schere bedroht den Mittelstand in Deutschland damit, möglicherweise genau in den Abgrund zu fallen, in dem sich Hartz IV – Empfänger schon lange befinden. Dass unser Gesellschaftssystem Menschen als überflüssig aussortiert und mit einem Existenzminimum an den Rand der Gesellschaft drängt, wurde bis vor ein paar Jahren von den meisten als Begleiterscheinung allgemeinen Wohlstandes akzeptiert. Jetzt, wo zunehmend mehr Menschen von diesem Schicksal bedroht sind, ändert sich das, meiner Ansicht nach zu Recht. Der Fehler liegt nur darin, dass man sich nicht den Ursachen für diese Entwicklung zuwendet und überlegt, wie das zu ändern ist. Mir z.B. steht ein armer Migrant wesentlich näher als ein Börsenzocker, der mit seiner Profitgier die ganze Gesellschaft in Gefahr bringt, der einen möglichst großen Teil des von arbeitenden Menschen erwirtschafteten Reichtums an sich bringen will. Auch ohne Migranten leben wir schon lange in einer „multikulturellen Gesellschaft“. Vergleichen wir mal ein Kaffeekränzchen von deutschen Hausfrauen mit dem Treffen von deutschen Hooligans vor dem Fußballfeld, oder die Schlange von Hartz IV Empfängern vor der „Tafel“ mit der von Aufsichtsräten der Deutschen Bank vorm kalten Buffet, nachdem wieder mal ein Quartalsbericht mit mehreren Milliarden Euro Gewinn vorgetragen wurde. Mehr kultureller Unterschied ist kaum vorstellbar. Kurz gesagt, hier wird eine völlig falsche Front aufgemacht. Diesmal werden Migranten zum Sündenbock gestempelt.
Es gibt Probleme mit der Migration, weil viel zu spät anerkannt wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass dies Probleme verursacht, denen man sich stellen muss.

Inzwischen wird die Notwendigkeit von Integrationsarbeit von den Parteien allgemein gesehen. Frage ist nur, wie viel Geld und menschlicher Einsatz dafür zur Verfügung steht. Fakt ist zum Beispiel, dass der Nachfrage nach guten Deutschkursen kein ausreichendes Angebot gegenüber steht. Fakt ist auch, dass unser Schulsystem nach wie vor auf die besonderen Schwierigkeiten von Migrantenkindern nicht oder nicht ausreichend eingeht. Es ist kurzfristig billiger, sie auszusortieren. Langfristig rächt sich das, weil die Potentiale, die dort schlummern, nicht nur brach liegen bleiben, sondern die Jugendlichen dagegen rebellieren.

Gerade nicht integrierten Jugendliche besinnen sich auf ihre Herkunft (auch wenn die meisten von ihnen in Deutschland geboren wurden) und ihre Religion. Diejenigen, die Anerkennung finden und Erfolg haben, haben kaum Grund dazu. Tatsache ist, dass Migranten unentbehrlich sind für unsere Gesellschaft und sich nur dann für diese Gesellschaft interessieren und engagieren werden, wenn sie sich anerkannt fühlen. Erfolge in dieser Richtung werden immer wieder zurückgeworfen durch pauschale Urteile wie die von Tilo Sarrazin, die in großen Teilen der Gesellschaft Unterstützung finden und dazu führen, dass sich selbst integrierte Flüchtlinge und Migranten nie sicher fühlen können, dass sie hier wirklich „zu Hause“ sind.

Johannes Hartmann

Hier ein Link zu einem empirischen Gegenentwurf zu Sarrazins Thesen von Naika Foroutan u.a.: http://www.heymat.hu-berlin.de/sarrazin2010

Und hier eine Glosse mit Bezug auf „PEGIDA“ zum Verfall der „abendländischen Kultur“: http://www.migazin.de/2015/01/08/der-erhalt-der-deutschen-kultur/

Der übergroße Teil der in Deutschland lebenden Muslime hat ein positives Verhältnis zu Staat und Demokratie in Deutschland: http://www.migazin.de/2015/01/09/sonderauswertung-religionsmonitor-muslime-deutschland-staat/

Und hier der Kommentar eines Deutschen mit eritreischen Eltern: Egal, wem ich erzähle, dass ich deutsch bin, ich muss es erklären